Der Deutsche Kitaverband kritisiert die Vorschläge aus dem Papier der Arbeitsgruppe „Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen“ scharf. Aus Sicht des Verbands markieren sie keinen sinnvollen Reformkurs, sondern einen sozial- und bildungspolitischen Rückschritt. Wer Standards in der Kinder- und Jugendhilfe und in der Kindertagesbetreuung infrage stellt, greift die Grundlagen von Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe und verlässlicher Unterstützung für Familien sowie die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft an.

Waltraud Weegmann, Bundesvorsitzende des Deutschen Kitaverbands: „Frühkindliche Bildung, Kindertagesbetreuung und unterstützende Infrastruktur in den Sozialräumen sind keine Verfügungsmasse finanzpolitischer Entlastungsdebatten, sondern Investitionen in Teilhabe, Chancengerechtigkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere Zukunft. Ein moderner Staat muss Kinder stärken, Träger einbeziehen und Qualität verbindlich absichern. Der richtige Weg heißt professionelle Qualitätsentwicklung, Fachkräftesicherung, gute Trägerqualität und verlässliche Finanzierung. Der falsche Weg heißt Leistungskürzung unter Effizienzlabel. Wer heute an Qualität, Förderung und Unterstützung spart, zahlt morgen gesellschaftlich und wirtschaftlich einen deutlich höheren Preis.”

Besonders kritisch sieht der Deutsche Kitaverband, dass die Vorschläge ausschließlich aus der Perspektive der Kostenträger formuliert sind. Fachliche Erkenntnisse aus der frühkindlichen Bildung, Kinder- und Jugendhilfe oder zu deren kurz- und langfristigen Nutzen für die Volkswirtschaft sowie ihr Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Fachkräftesicherung spielen erkennbar keine Rolle. Waltraud Weegmann sagt: „Die Vorschläge aus diesem Papier sind in weiten Teilen praxisfern.”

Zugleich stehen die Überlegungen im klaren Widerspruch zu den aktuellen Gesetzesvorhaben. Sowohl das Erste Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetz als auch das angekündigte Qualitätsentwicklungsgesetz setzen auf verbindlichere Standards und klarere Rahmenbedingungen. Die Vorschläge aus dem AG-Papier würden genau diese Entwicklung aushöhlen.

Entsprechend scharf weist der Verband die Forderung zurück, auf ein Qualitätsentwicklungsgesetz zu verzichten. Ein solcher Vorstoß ist realitätsfern und fachlich nicht haltbar. „Wir brauchen keinen Flickenteppich, sondern bundeseinheitliche Zielvorstellungen für wirkliche Chancengerechtigkeit und einheitliche Lebensverhältnisse und einen Rahmen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen“, betont Waltraud Weegmann.

Auch die Prüfung von Standards beim Betreuungsumfang und beim Personalschlüssel darf aus Sicht des Deutschen Kitaverbands nicht zu einem pauschalen Absenken führen. Natürlich müssen Anforderungen in der Praxis umsetzbar und finanzierbar sein. Wer aber unter dem Etikett der Effizienz die Verlässlichkeit der Kitas und die Qualität der Betreuung absenkt, verschärft die Krise in den Kitas und bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Verlässliche Betreuungszeiten sind Grundvoraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, erklärt Waltraud Weegmann. „Jede Politik, die Betreuungsumfänge faktisch verringert oder Personalschlüssel dauerhaft entwertet, belastet Familien massiv und verschiebt die Verantwortung zurück in die Haushalte.“

Der Deutsche Kitaverband sieht deshalb auch den im Papier anklingenden Ruf nach mehr Selbstverantwortung in den Familien kritisch, sobald daraus ein Rückzug des Staates aus seiner Verantwortung für Bildung, Förderung und Betreuung wird. Waltraud Weegmann erklärt: „Familien brauchen Unterstützung, nicht neue Lasten. Wo Eltern mehr Verantwortung übernehmen wollen und können, braucht es ergänzende Angebote und eine gute Partnerschaft zwischen Elternhaus und Kita. Wo Unterstützung nötig ist, muss sie verlässlich erreichbar bleiben.“

Scharfe Kritik übt der Verband zudem an den Vorschlägen zur Anpassung des Subsidiaritätsprinzips. Freie Träger sind kein Störfaktor, sondern eine tragende Säule der sozialen Infrastruktur in Deutschland. Sie betreiben 75 Prozent aller Kitas in Deutschland und sichern einen wesentlichen Teil der sozialen Infrastruktur. Waltraud Weegmann erklärt: „Wer ihre Rolle schwächt, schwächt Vielfalt, Innovation, Praxisnähe und passgenaue Angebote vor Ort.“

Zustimmung signalisiert der Deutsche Kitaverband dort, wo das Papier mehr Offenheit für weitere Berufsabschlüsse und Quereinstiege in die Kinderbetreuung erkennen lässt. Der Fachkräftemangel und die wachsenden Anforderungen an vielfältige Kita-Teams lassen sich nur bewältigen, wenn das System durchlässiger gestaltet und Qualifizierung von Anfang an konsequent mitgedacht wird.

Der Deutsche Kitaverband fordert Bund, Länder und Kommunen auf, diesen Kürzungskurs zu stoppen, die laufenden Gesetzgebungsverfahren konsequent an den Interessen von Kindern, Familien und auch der Wirtschaft auszurichten und die freie Trägerlandschaft als unverzichtbaren Partner bei der Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Kindertagesbetreuung zu stärken.

 

Download Pressemeldung