Vorstellung der Studie „Zukunftsperspektiven für das deutsche Kita- System“
Frühkindliche Bildung bietet ein enormes Entwicklungspotenzial: sie kann Bildungsbiografien stärken, Teilhabe und Integration fördern, Vereinbarkeit unterstützen sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt stabilisieren. Kitas als erste institutionelle Bildungsorte spielen dabei eine herausragende Rolle – ihr Potenzial wird aktuell jedoch nicht ausgeschöpft.
Das verdeutlicht eine neue Studie von pollytix strategic research gmbh im Auftrag des Deutschen Kitaverbands. Das zentrale Ergebnis: Das deutsche Kita-System befindet sich in einer wichtigen Umbruchphase. Es steht unter enormem Reformdruck, bietet aber zugleich eine Fülle an Gestaltungschancen. Wenn jetzt die richtigen Weichen gestellt werden, kann frühkindliche Bildung zu einer der wirksamsten Zukunftsinvestitionen für Kinder, Familien, Wirtschaft und die Gesellschaft werden.
„Die Ansprüche steigen, aber die Rahmenbedingungen halten damit nicht immer Schritt.“
Politik
Forschungsfrage und Methodik
„Wie muss das deutsche Kita-System in Zukunft aufgestellt sein, damit es seinen Auftrag tatsächlich erfüllen kann?“ Diese Forschungsfrage leitete die Studie, für die 27 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Medien, Trägerlandschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft befragt wurden. Dabei ließen die leitfadengestützten Tiefeninterviews Raum für individuelle Einschätzungen und Lösungsideen. Nach einer Bewertung des Status quo diskutierten die Teilnehmenden drei mögliche Zukunftsszenarien für die Entwicklung des Kita-System im Jahr 2036: einen optimistischen, einen pessimistischen und einen mittleren Entwicklungspfad.
Das Potenzial für gesellschaftliche Wirkung: Was gute Kita-Qualität erreichen kann
Unter den in der Studie Befragten bestand über alle institutionellen Perspektiven hinweg breite Einigkeit darüber, dass „sich das System in einem kritischen Zustand befindet.(1) Das Kita-System ist demnach „unterfinanziert, personell erschöpft und in seiner Logik zu sehr auf Strukturkennzahlen fixiert. Das Entscheidende, also die Prozess- und Interaktionsqualität und damit die Interaktion zwischen Fachkraft und Kind bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die nötig wäre.“
Gleichzeitig zeigt die Studie: Gute Kitas sind weit mehr als Betreuungsorte. Sie stärken Vereinbarkeit, Teilhabe, Integration, soziale Fähigkeiten, Demokratiebildung und langfristig auch das Bildungsniveau.
„Ein Land mit einem besser ausgebildeten jungen Menschen ist langfristig produktiver, hat höhere Steuereinnahmen und letztlich auch geringe Sozialausgaben. Das klingt jetzt sehr technisch, aber das sind nun mal die Fachkräfte der Zukunft.(2)
(Expert:in Wirtschaft)
Studienergebnisse: Die Steuerungsfaktoren für ein zukunftsfähiges Kita-System
Die Stakeholder-Interviews zeichnen ein deutliches Bild davon, welche Faktoren ausschlaggebend für ein zukunftsfähiges Kita-System sind:
– ein klareres Qualitätsverständnis
– eine systematischere Evaluation3 der Kita-Qualität
– und eine verlässliche Finanzierung
Viele Befragte sehen in einem gemeinsamen Qualitätsverständnis eine zentrale Chance für bessere frühkindliche Bildung. Betreuungsschlüssel und Gruppengrößen bleiben wichtig, reichen aber nicht aus, um pädagogische Qualität abzubilden. Entscheidend ist stärker die Prozess- und Interaktionsqualität: also wie Kinder im Alltag begleitet, gefördert und beteiligt werden. Gemeinsame Qualitätsziele könnten dafür bundesweit Orientierung schaffen – ohne pädagogische Vielfalt einzuschränken.
„Das Eine, was wir wirklich brauchen, ist ein bundesweit einheitliches Kitaqualitätsgesetz. Das tatsächlich Qualitätskriterien festschreibt. Es kann nicht sein, dass wir diese Unterschiede [zwischen den Bundesländern, Anm.] haben, wie wir sie gerade erleben.(4)
(Expert:in NGO)
Eine wichtige Stellschraube für die Qualitätsverbesserung kann nach Auffassung der Befragten zudem die Evaluation der Kita-Qualität vor Ort sein. Eine entscheidende Voraussetzung für hohe Kita- Qualität, gute Personalentwicklung, professionelle Evaluation oder die Sicherung der Trägervielfalt sehen viele Befragte in einer verlässlichen und auskömmlichen Finanzierung. Die Studie formuliert hier eine besonders klare Diagnose: Finanzierung sei „kein Unterthema“, sondern ein Steuerungsfaktor, der auf alle anderen Bereiche wirkt.
„Das ist verfassungsmäßig nicht immer ganz einfach, aber der Bund muss sich beteiligen, und zwar verlässlich und nicht nur an den Investitions-, sondern auch an den laufenden Betriebskosten. […] Schließlich ist der Bund ja auch derjenige, der von funktionierenden Kitas langfristig am meisten profitiert, weil das Humankapital unserer Gesellschaft besser ausgebildet ist und es sich auch volkswirtschaftlich lohnt.(5)
(Befragte WissenschaftlerIn).
Schlussfolgerungen und politische Handlungsfelder
Aus der Studie leitet der Deutsche Kitaverband drei politische Handlungsfelder ab:
• Verlässliche und auskömmliche Finanzierung sichern
Eine langfristige, planbare Grundfinanzierung ist Voraussetzung für alle weiteren Reformschritte und muss strukturell verankert sein. Die verlässliche und gleichberechtigte Finanzierung freier und kommunaler Träger hilft dabei, Vielfalt, Innovation und Wahlfreiheit langfristig zu gewährleisten.
• Gemeinsames Qualitätsverständnis und verbindliche Qualitätsziele entwickeln
Bund und Länder sollten einen übergeordneten Rahmen schaffen, der klare Qualitätsziele definiert und zugleich Raum für regionale Ausgestaltung lässt.
• Evaluation der Kita-Qualität vor Ort stärken
Damit Qualität messbar und vergleichbar werden kann, braucht es geeignete Instrumente, die als Grundlage für kontinuierliche Qualitätsentwicklung dienen.“
1 Ebd., S. 3
2 Ebd., S. 24 – anonymisierte Antworten, ff.
3 Definition: Evaluation meint hier Analyse und Bewertung der Kita-Qualität vor Ort und die daraus umsetzbaren Maßnahmen der Kita-Träger für die Weiterentwicklung der Kita-Qualität.
4 Ebd., S. 10
5 Ebd., S. 12