AG FACHKRÄFTE(MANGEL)  (Stand 14.07.2020)

Der Deutsche Kitaverband setzt sich für die Bekämpfung des Fachkräftemangels ein, mit dem Ziel, neue Wege in einem engen Personalmarkt zu eröffnen. Die Mitglieder des Deutschen Kitaverbandes gehen voran und verpflichten sich, mit multifunktionalen Teams ein hohes Maß an Qualität, Transparenz und Qualifizierung zu bieten.

Problemaufriss

Mit dem Recht auf einen Kitaplatz hat die Zahl der Kinder, die in Deutschland in einer Kindertagesstätte betreut werden, erheblich zugenommen (1). Insbesondere die freien und unabhängigen Träger reagieren flexibel auf diese Entwicklung und tragen maßgeblich zum verbesserten Angebot an Kitaplätzen bei (2). Parallel zu diesem Bedarf an Betreuungsplätzen hat sich auch der Bedarf an pädagogischen Fachkräften entwickelt. Die Nachfrage nach Erzieherinnen und Erziehern ist erheblich, das Angebot allerdings kann diese Nachfrage nicht decken. Es fehlen bundesweit über 100.000 Fachkräfte für die pädagogische Arbeit in den Kitas. Das Institut Prognos hat errechnet, dass bis zum Jahr 2030 sogar ca. 200.000 Erzieherinnen und Erzieher bundesweit fehlen werden. Dies führt zu hoher Unzufriedenheit bei allen Beteiligten und fehlenden Betreuungsplätzen für Kinder. Und es drohen negative Auswirkungen insbesondere auf die Qualität der frühkindlichen Bildung.

Ein Stimmungsbild unter 325 Kita-Trägern und Kita-Verantwortlichen im ganzen Bundesgebiet, die der Deutsche Kitaverband im Sommer 2019 befragte, ergab, dass 80 Prozent der Befragten die  Gewinnung von Fachkräften als die dringendste Herausforderung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe betrachten.

Der Arbeitsmarkt ist nicht nur in Bezug auf PädagogInnen sondern insgesamt angespannt. Mehr Flexibilisierung ist auch im Kita-Bereich nötig: Denn der Arbeitsmarkt in der Kinder- und Jugendhilfe ist streng nach Fachkraft-Kriterien reguliert. Dies wird der heutigen Situation in den Kitas nicht gerecht: Im Gegensatz zur früheren Kindergartenlandschaft verbringen Kinder heute häufig acht und mehr Stunden in ihrer Kita. Neben Bildung und Erziehung findet dort heute ein viel höherer Anteil an „Alltag“ statt, der nicht selbstverständlich besser durch pädagogische Fachkräfte betreut wird. Eine größere Vielfalt an Qualifikationen in den Kita-Teams würde den Gegebenheiten eher gerecht werden. Das heißt: Die inhaltliche Arbeit mit den Kindern wird durch QuereinsteigerInnen mit anderen Professionen, z.B. SchreinerInnen, BiologInnen, SportpädagogInnen etc., bereichert. Neben den pädagogisch arbeitenden MitarbeiterInnen fallen Aufgaben an, die durch Unterstützungskräfte wahrgenommen werden können und den Alltag entspannen. Ein vermehrter Einsatz von akademisch ausgebildeten ErzieherInnen würde den Herausforderungen im Bereich der pädagogischen Qualität, der Steuerung und des Managements gerecht werden. Sie wären eine notwendige und sinnvolle Ergänzung zu den nicht-pädagogischen Quereinsteigern und den nicht akademisch ausgebildeten Fachkräften. Das Gewinnen dieser Kräfte ist allerdings durch dieselbe Bezahlung wie bei ErzieherInnen schwierig.

In 16 Bundesländern gibt es heute 16 verschiedene Fachkraftdefinitionen. So würde z.B. der in Baden-Württemberg anerkannten und möglicherweise jahrelang in einer Kita tätigen Logopädin in anderen Bundesländern die Anerkennung als Fachkraft und damit die Anrechnung auf den benötigten Fachkraftschlüssel verwehrt.

Fachkräftekatalog und -einsatz / Akademiker/innen in Kitas

Um dem heutigen Auftrag der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) in Kindertagesstätten gerecht zu werden, fordert der Deutsche Kitaverband in allen Kindertagesstätten multifunktionale Teams. Ziel ist es, für die Träger Spielräume bei der qualifizierten Besetzung aller Stellen zu schaffen. Der Personalschlüssel sollte mit 10 Prozent pädagogischen AkademikerInnen, 50 Prozent pädagogischen Fachkräften, 20 Prozent PädagogInnen in Ausbildung, 10 Prozent QuereinsteigerInnen bzw. SpezialistInnen (mit Quereinsteiger-Qualifizierung und Einbindung in das pädagogische Konzept) sowie 10 Prozent Unterstützungskräften flexibilisiert werden (bereits heute werden in vielen Bundesländern PädagogInnen in Ausbildung auf den Fachkraftschlüssel angerechnet).

Die Hochschulabsolventen müssen dann als solche eingesetzt und entlohnt werden. Dann werden die PädagogInnen mit akademischem Abschluss auch wirklich zu einem hohen Prozentsatz im Kitabetrieb ankommen, die pädagogische Arbeit bereichern und nicht auf andere Tätigkeitsfelder ausweichen. Der Einsatz dieser multifunktionalen Teams muss im Rahmen der Förderungen refinanziert werden. Die tarifliche Eingruppierung der unterschiedlichen Qualifikationen muss diversifiziert werden.

Der Personalschlüssel ist ein weiterer wichtiger Faktor, um ein hohes Maß an Qualität in den Einrichtungen zu gewährleisten. Wir fordern für Kinder unter drei Jahren einen echten Mindestpersonalschlüssel (d.h. jederzeit und inklusive Vor-, Nachbereitungs- und Leitungszeiten) von 1:3, bei Kindern über drei Jahren von 1:7 und im Hort von 1:12.

PIA-Ausbildung und Quereinstieg

Die OECD empfiehlt in ihrer Publikation „Gute Strategien für gute Berufe in der frühen Bildung: Acht Maßnahmen aus OECD-Ländern“ die Praxiserfahrung in der Erzieherausbildung zu stärken. Um die Praxiserfahrung – wie in den meisten Berufen üblich – bereits während der Ausbildung zu stärken, benötigen wir moderne Ausbildungsformen, die umfangreiche Theoriephasen mit längeren Praxisphasen in Kitas integrieren. Durch die Praxisphasen gibt es auch eher eine Gewähr dafür, dass die AbsolventInnen früh die Realität ihrer Arbeit kennenlernen und nach ihrer Ausbildung die beruflichen Anforderungen tatsächlich erfüllen können. Der Deutsche Kitaverband fordert deshalb die Implementierung der praxisintegrierten Ausbildung (PIA) bundesweit.

Ferner stimmen wir mit der OECD in der Forderung überein, alternative Wege in die frühe Bildung zu eröffnen. Deutschland könnte demnach das Angebot an potenziellen neuen Arbeitskräften ausweiten, indem es alternative Möglichkeiten für den Einstieg in den Sektor der frühen Bildung böte. Eine Möglichkeit dafür sei eben die Einführung einer Berufsausbildung, bei der Auszubildende die Arbeit mit der betrieblichen Ausbildung kombinieren können. Vor allem für Jüngere sei diese Möglichkeit attraktiv.

Weitere Möglichkeiten, insbesondere für Menschen, die bereits über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, sind verkürzte Bildungsgänge oder Quereinstiegsprogramme. Das Quereinsteigerprogramm soll 800 Stunden pädagogische Inhalte nicht unterschreiten und von MitarbeiterInnen mit abgeschlossener Erstausbildung absolviert werden können. Die Quereinsteigerausbildung soll in Bezug auf die Dauer und Praxiserfahrung den sonstigen pädagogischen Ausbildungen gleichgestellt werden. Auch die Vergütung und Förderung soll entsprechend dem Praxisanteil erfolgen.

Darüber hinaus ist die Ausbildung von ErzieherInnen an die veränderten Rahmenbedingungen und Inhalte anzupassen und attraktiver zu gestalten.

Anerkennung von inländischen (Fach-)Kräften

Problematisch in Bezug auf die Gewinnung von Fachkräften ist darüber hinaus, dass die Anerkennung von in- sowie ausländischen Bewerbern zeitintensiv und bürokratisch aufwendig ist.

Der Deutsche Kitaverband fordert bundesweit einheitliche Voraussetzungen für die Anerkennung von Fachkräften. Damit kann die jeweilige Prüfung durch den Träger selbst erfolgen. Außerdem darf es bei der bereits erfolgten Anerkennung einer Fachkraft in einem deutschen Bundesland zu keiner weiteren Nachprüfung bei Anstellung in einem neuen Bundesland kommen.

Anerkennung von ausländischen Fachkräften

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, ist die Anstellung von ausländischen Fachkräften ein wirksames Instrument. Deshalb sollen im Sinne des Bologna-Prozesses alle Bachelor- und Masterstudiengänge, die in den jeweiligen EU-Mitgliedsländern zur Arbeit als Fachkraft in einer Kindertagesstätte berechtigen, ohne ein weiteres Verfahren oder weitere Voraussetzungen zur Anstellung als Fachkraft in Deutschland anerkannt werden. Die jeweilige Prüfung kann auch hier durch den Träger selbst erfolgen.

Bei Fachkräften aus dem Nicht-EU-Ausland fordert der Deutsche Kitaverband eine Bearbeitung von Anträgen innerhalb von vier Wochen sowie eine weitgehende Entbürokratisierung des Verfahrens.

Karrierewege

Vielfältige Karrierewege tragen einen erheblichen Teil zum Ansehen des Berufes bei. Die Mitglieder des Deutschen Kitaverbandes bieten die Weiterentwicklung zu Führungskräften und zu SpezialistInnen im Rahmen von Fachkarrieren an.

Wir fördern

  • Entwicklungsmöglichkeiten, beispielsweise zur Gruppenleitung, pädagogischen Leitung, Fachberatung bis hin zum/r GeschäftsführerIn;
  • Fachkarrieren, beispielsweise im Bereich Sport, Kunst, Musik und Sprachen, Integration (von behinderten oder hochbegabten Kindern), Kinderschutz, Qualitätsmanagement, Arbeitssicherheit und Datenschutz u.a.;
  • die Weiterentwicklung zur Fachberatung, zu MentorInnen und zu TrainerInnen.

Gehaltsfrage

Laut dem Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2019 der WiFF ist die Steigerung um knapp 16 Prozent, die die Gehälter der Beschäftigten in der Frühen Bildung gemäß Entgeltstatistik seit 2012 erfahren haben, um einiges höher als die des Gesamtarbeitsmarkts von rund 11 Prozent.

Ebenso fällt demnach die Gehaltssteigerung im Verhältnis zur Entwicklung des Preisindex wesentlich höher aus. Dieser ist zwischen 2012 und 2017 nur um fünf Prozent gestiegen und die Reallöhne in der Frühen Bildung sind demzufolge in den letzten fünf Jahren deutlicher angestiegen. Hierzu hat neben den „normalen“ Gehaltssteigerungen im Zuge der turnusmäßigen Tarifverhandlungen vor allem der Gehaltssprung durch die Einführung der neuen Entgeltgruppe 8a für ErzieherInnen im Jahr 2015 beigetragen. Diese Entwicklung begrüßt der Deutsche Kitaverband ausdrücklich.

Das Gehalt ist daher für den Deutschen Kitaverband – auch vor dem Hintergrund der Finanzierbarkeit – nicht mehr die wichtigste Stellschraube bei der Gewinnung von Fachkräften in der Frühen Bildung, sondern eher ein strukturelles Problem, das die Bezahlung von pädagogischen AkademikerInnen betrifft.

Der Deutsche Kitaverband fordert allerdings eine bundeseinheitliche Eingruppierung und einen bundeseinheitlichen Tarif. Unterschiedliche Lebenshaltungskosten müssen über regionale Regularien ausgeglichen werden.

Image des Berufs

Der Deutsche Kitaverband setzt sich für die Verbesserung des Images, der Wertschätzung und der adäquaten Bezahlung aller Beschäftigten ein. Die frühkindliche Erziehung, Bildung und Betreuung ist eine Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft. Mit der Entwicklung der Bildungspläne, der fachlichen Ansprüche und der gesellschaftlichen Bedeutung sind die Anforderungen an das Berufsbild gestiegen und müssen sich im Ansehen und der Wertschätzung in unserer Gesellschaft widerspiegeln. Für das Image des Berufs ist es wichtig, transparent darzustellen, welche fachlich anspruchsvolle Arbeit in den Kindertagesstätten täglich geleistet wird.

Die Mitglieder des Deutschen Kitaverbandes gehen voran und verpflichten sich mit multifunktionalen Teams ein hohes Maß an Qualität, Transparenz und Qualifizierung zu bieten. Sie bieten darüber hinaus individuelle Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, um die Attraktivität des Berufes zu steigern.

Auch die OECD befürwortet den Status von Berufen in der frühen Bildung anzuheben. Die Erhöhung des Qualifikations- und Bildungsniveaus (Akademisierung) zumindest für einen Teil des Personals könnte demnach dazu beitragen, die Anerkennung und den Status des Erzieherberufes zu fördern.

Um Männer zu ermutigen, eine Tätigkeit in diesem Bereich aufzunehmen, sind Maßnahmen notwendig, die darauf abzielten, die gesellschaftlichen Normen zu ändern, die das Bild von Männern als Betreuende bei Personalleitern, Eltern und in der Öffentlichkeit prägten.

Durch trägerübergreifende Medienkampagnen mit der Darstellung der hohen Verantwortung und Professionalität der Arbeit in den Kitas und bei den Trägern können zusätzliche positive Effekte für die Bewertung des Berufs entstehen.


(1) U3: 286.017 Kinder (2006) auf 789.559 Kinder (2018); 3J-Schuleintritt: 2.352.370 (2006) auf 2.426.938 (2018). Vgl. https://www.fruehe-chancen.de/fileadmin/PDF/Fruehe_Chancen/Betreuungszahlen/Kindertagesbetreuung_Kompakt_2018_Ausbaustand_und_Bedarf_Ausgabe_4.pdf

(2) Dies zeigt auch ein Blick auf den Arbeitsmarkt: „2018 wie bereits 2007 arbeitete etwa ein Drittel (34 %) der Beschäftigten bei öffentlichen und etwa zwei Drittel (66 %) bei freien Trägern. Der Blick in das Binnengefüge der freien Träger zeigt jedoch einige Veränderungstendenzen: Die größten prozentualen Beschäftigungsgewinne (+113%) erzielten die sonstigen freigemeinnützigen Träger, die nicht den großen Wohlfahrtsverbänden angehören.“
Autorengruppe Fachkräftebarometer (2019): Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2019. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte. München, S. 8.

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